Reisebericht – Study Tour nach Wien 2025

 

Reisebericht – Study Tour nach Wien 2025

Wie Europa als Friedensmacht auf Krisen reagiert:
Wien als Drehscheibe europäischer Sicherheitspolitik
 

 

BILD WIIS

 

Europa versteht sich seit Jahrzehnten als Kontinent des Friedens. Nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen wurde aus Rivalität, Zusammenarbeit und aus Misstrauen Partnerschaft.

Wien gilt als Herz der europäischen Sicherheitspolitik und Treffpunkt der Diplomatie – Sitz der OSZE und zahlreicher UN-Organisationen. Hier werden Krisen verhandelt und Zukunftsstrategien entwickelt. Wien stellt auch die Brücke zwischen Ost und West, Forum des Dialogs und Sinnbild europäischer Vermittlungskunst dar.

Die Study Tour 2025 nach Wien bot die Gelegenheit, zentrale Akteur*innen europäischer Sicherheits- und Friedenspolitik kennenzulernen. Als Stadt der Diplomatie und Sitz zahlreicher internationaler Organisationen bildet Wien ein einzigartiges Umfeld, um zu verstehen, wie Europa auf Krisen reagiert – diplomatisch, militärisch und zivilgesellschaftlich.

Programmübersicht

Mittwoch, 05.11.2025

Die erste Hälfte des ersten Tages der Study Tour stand zunächst im Zeichen der Anreise. Nach und nach trafen wir aus verschiedenen Städten in Wien ein und nutzten die Gelegenheit, uns in der Unterkunft zu orientieren und erste Bekanntschaften zu knüpfen. Die Anreise bot uns dabei Zeit, uns auf die Woche einzustellen und gab uns Raum für Vorfreude auf die kommenden Programmpunkte.

Am Nachmittag führte unser Weg in das sicherheitspolitische Herz Österreichs: das Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV). Dort empfing uns Mag. Klaudia Tanner, seit Januar 2020 amtierende Bundesministerin für Landesverteidigung. Sie gab uns einen umfassenden Einblick in die aktuelle sicherheitspolitische Lage Österreichs. Das Gespräch bot die Möglichkeit, mehrere sicherheitspolitische Aspekte zu beleuchten. Themen waren dabei unter anderem die Neutralität Österreichs, der Schutz der Bevölkerung, Cyberabwehr sowie hybride Bedrohungen. Zudem wurde die Frage der sicherheitspolitischen Resilienz behandelt.

An unseren Termin im BMLV schloss sich ein vertiefendes Gespräch mit Sebastian Enskat und Dr. Elisabeth Hoffberger-Pippan bei der Konrad-Adenauer-Stiftung an. In diesem Gespräch stand insbesondere das Neutralitätsverständnis Österreichs im Fokus, das sich über die Jahrzehnte, nicht zuletzt durch die EU-Mitgliedschaft, weiterentwickelt hat. Zuletzt stellten Enskat und Hoffberger-Pippan uns zentrale Erkenntnisse der KAS-Studie „Zwischen Abgrenzung, Einbindung und Toleranz“ vor, die die Vergleichspunkte zwischen der deutschen AfD und der österreichischen FPÖ herausgearbeitet und deren gesellschaftliche Wirkung analysiert hat.

Den Abend ließen wir dann bei einem gemeinsamen Abendessen mit Vertreterinnen von WIIS Austria ausklingen. Das Kennenlernen bot einen warmen Einstieg in die kommenden gemeinsamen Tage und zeigte einmal mehr, wie wertvoll persönlicher Austausch gerade in sicherheits- und friedenspolitischen Kontexten sein kann.

Donnerstag, 06.11.2025

Gestärkt von einem ausgiebigen Frühstück starteten wir in den Tag mit einem Termin beim Sekretariat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Dort trafen wir Andrea Salvoni, Head of Policy Unit im Kabinett des Generalsekretärs, sowie Stephan Nunner, Deputy Director beim Conflict Prevention Centre. Mit ihnen sprachen wir über die Rolle der OSZE, aktuelle Entwicklungen, Spannungsfelder innerhalb der Organisation sowie Herausforderungen, mit denen die Organisation in einem zunehmend komplexen sicherheitspolitischen Umfeld konfrontiert ist. Betont wurde insbesondere die Funktion der OSZE als Dialogplattform in Zeiten politischer Spannungen.  Dafür erhielten wir einen Einblick in die Arbeit des Conflict Prevention Center, das mit seinen politischen Dialogformaten und Feldoperationen vor Ort eine zentrale Rolle für Frieden und Stabilität in den Mitgliedsstaaten einnimmt.

Anschließend hatten wir die besondere Gelegenheit, einer Sitzung des Ständigen Rates beizuwohnen. Als eines der wichtigsten Beschluss- und Konsultationsgremien der OSZE bildet der Ständige Rat den Rahmen für regelmäßige politische Abstimmungen und die Leitung der operativen Arbeit. Der erste Tagesordnungspunkt, den wir verfolgten, befasste sich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Es wurde deutlich, wie komplex sich die Zusammenarbeit und Kommunikation unter 57 Mitgliedsstaaten in einer Konsens-Organisation gestalten kann. Besonders eindrucksvoll war es, die Dynamiken im Saal unmittelbar mitzuerleben, die Wortmeldungen, die unterschiedlichen politischen Stile und die feinen Zwischentöne, die politische Positionen oft erst richtig erkennbar machen.

Im Anschluss führte uns die Study Tour weiter zur Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), wo wir mit Maureen McNeill ins Gespräch kamen. Hier erhielten wir einen kompakten und informativen Überblick über die Struktur, Ziele und aktuelle Herausforderungen der Organisation. Nach dem Mittagessen ging es für uns zum Bundesministerium für Europäische und internationale Angelegenheiten. Dort gab uns Botschafterin Mag. Ulrike Butschek einen Einblick in die Arbeit des Ministeriums im multilateralen Kontext und dessen Rolle in der Europäischen Union. Dabei lag der Fokus des Gespräches auf der praktischen Arbeit im Bereich der Menschenrechte.

Als nächster Punkt stand der Besuch des Austrian Institute for European and Security Policy (AIES) auf dem Programm. Senior Research Fellow Christoph Schwarz MSSc. gab uns einen ausführlichen Überblick über die Geschichte und die Entwicklung der österreichischen Neutralität - von der Erlangung der Souveränität 1955 bis zu der heutigen Situation, die durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie durch das Erstarken rechtspopulistischer Akteure vor neue Herausforderungen gestellt wird. Abschließend ging es gemeinsam mit AIES zum 29. European Forum Vienna zum Thema “War in Ukraine: Status Quo and Future Perspectives”. Dort folgten wir  einem spannenden Vortrag von Markus Reisner, der die aktuellen Entwicklungen an der ukrainisch-russischen Grenze und insbesondere die Lage in Pokrowsk darlegte. Im Zuge dessen erörterte Reisner unter anderem die veränderten Strategien der russischen Kriegsführung bezüglich der Drohnennutzung sowie mögliche Szenarien, die zu einer Beendigung des Krieges führen könnten. Nach den aufschlussreichen Einblicken in die aktuelle Situation in der Ukraine ließen wir den ereignisreichen Tag in einer gemütlichen österreichischen Gaststätte ausklingen.

Freitag, 07.11.2025

Der letzte Tag der Study Tour begann mit einem Besuch der Deutschen Botschaft in Wien, die wir als erste Gruppe in dem neuen Botschaftsgebäude besuchen durften, welches erst 10 Tage zuvor von Bundespräsident Walter Steinmeier eingeweiht wurde. Dort trafen wir Birgit Maria Efinger, Referentin für Politik bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der OSZE, die für die Dossiers Ukraine, Moldau, Russland und Belarus zuständig ist sowie Sibylle Osten-Vaa, die stellvertretende deutsche Botschafterin bei der OSZE in Österreich. Das Gespräch bot im Anschluss an den Besuch bei der OSZE kenntnisreiche Einordnungen in die Debatten und Dynamiken im Gremium.

Im Anschluss führte uns die Study Tour zum Vienna International Centre, dem Headquarter der Vereinten Nationen in Wien. Hier trafen wir zunächst Rebecca Jovin, Leiterin des Büros der Vereinten Nationen für Abrüstungsangelegenheiten (UNODA) und Annelisa Miglietti. Sie betonten die sicherheitspolitische Relevanz von Dialog und Rüstungskontrolle und hoben hervor, wie UNODA zu diesen Themen arbeitet. Nach dem interessanten Input von UNODA, trafen wir uns für den letzten Programmpunkt mit Markus Woltran, dem Programmbeauftragten im Büro der Direktorin des Büros der Vereinten Nationen für Weltraumfragen (UNOOSA). Als kleinstes UN-Büro mit zugleich sehr umfassendem Mandat widmet sich UNOOSA einem der am schnellsten wachsenden globalen Politikfelder. Im Gespräch standen vor allem die Frage der friedlichen Nutzung des Weltraums, bestehende technologische und regulatorische Herausforderungen sowie die Rolle der UNO bei der Gestaltung eines fairen und sicheren Ordnungsrahmens im Mittelpunkt.

Bei einem gemeinsamen Kaffee im Gebäude des UN-Hauptquartiers ließen wir abschließend die Erkenntnisse und Erlebnisse der Study Tour Revue passieren und schlossen diese durch eine gemeinsame Abschlussrunde.

Zentrale Themen und Erkenntnisse

• Europäische Sicherheitsarchitektur und Wiens Rolle
• Umgang Europas mit aktuellen Krisen (z. B. Ukraine, Nahost, Westbalkan)
• Multilaterale Diplomatie, Kooperation und Konfliktprävention
• Frauen in Friedens- und Sicherheitsprozessen

Persönliche Reflexion

Besonders eindrucksvoll war die Offenheit, mit der die Vertreter*innen internationaler Organisationen über die Möglichkeiten, aber auch die klaren Grenzen der europäischen Friedenspolitik sprachen. Wien präsentierte sich dabei nicht nur als geografischer Treffpunkt, sondern als gelebter Ort des Dialogs – ein Raum, in dem trotz globaler Spannungen Gespräche geführt, Positionen ausgehandelt und neue Perspektiven entwickelt werden. Die Begegnungen vor Ort machten deutlich, wie vielschichtig und zugleich fragil europäische Sicherheitsarchitekturen sind und wie wichtig es bleibt, Vertrauen, Kooperation und diplomatische Beharrlichkeit immer wieder neu zu gestalten.

Neben den inhaltlichen Einblicken hinterließ auch die Study Tour selbst einen nachhaltigen Eindruck. Die Tage in Wien zeigten, wie wertvoll der direkte Austausch mit Expertinnen, Praktikerinnen und anderen Teilnehmerinnen ist, wenn es darum geht, sicherheits- und friedenspolitische Entwicklungen wirklich zu verstehen. Die Gespräche jenseits der offiziellen Termine, beim gemeinsamen Essen, auf dem Weg zu Institutionen oder im späteren Rückblick, eröffneten zusätzliche Perspektiven und machten die Komplexität der Themen greifbarer. Die Study Tour war damit nicht nur eine fachliche Vertiefung, sondern auch ein persönlicher Lernraum, der Motivation, Neugier und das Bewusstsein stärkte, wie wichtig vernetzte und engagierte Frauen in der internationalen Sicherheitspolitik sind.

Schlussfolgerung

Unsere Studienreise nach Wien war für alle Teilnehmerinnen eine rundum bereichernde Erfahrung. Von der Organisation über die Auswahl der Termine bis hin zu den inhaltlichen Schwerpunkten hat alles wunderbar zusammengepasst. Die Gespräche vor Ort haben uns ein viel tieferes Verständnis dafür vermittelt, wie Österreich seine besondere Rolle in Europa wahrnimmt – als neutrales Land, als Brückenbauer zwischen Ost und West und als Gastgeber zahlreicher internationaler Organisationen.

Besonders beeindruckt hat uns, wie stark Wien als Knotenpunkt der internationalen Diplomatie wirkt. Ob im Austausch mit Expert*innen aus Ministerien, Stiftungen oder Internationalen Organisationen – überall spürte man den Willen, gemeinsam Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit zu finden: Sicherheit, Migration, Multilateralismus und die Zukunft der Europäischen Union. Diese Perspektiven haben unseren Blick auf die europäische Zusammenarbeit erweitert und das Vertrauen in ihre Stärke und Belastbarkeit weiter gefestigt.

Auch das Netzwerken kam nicht zu kurz: Der Austausch untereinander und mit unseren Gesprächspartner*innen  in Wien war inspirierend und hat viele neue Impulse gesetzt. Solche Begegnungen schaffen Verbindungen, die über die Reise hinaus wirken – und eine wertvolle Grundlage für zukünftige Kooperationen und gegenseitige Unterstützung sind.

Mit vielen neuen Eindrücken und spannenden Ideen blicken wir nun schon mit Vorfreude auf die nächste Studienreise. Wir sind überzeugt, dass wir dort auf das in Wien gewonnene Wissen aufbauen können – und dass die gemachten Erfahrungen noch lange nachwirken werden.

 

Das Projekt wird mit Unterstützung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung durchgeführt.